Wir trauern um PROFESSOR KARL CLAUSS DIETEL.

Die Nachricht vom unerwartet plötzlichen Tod unseres Ehrenmitglieds Professor Karl Clauss Dietel am 2. Januar dieses Jahres hat uns tief getroffen. Die Marianne Brandt-Gesellschaft e. V. hat ihren Nestor verloren. Er war derjenige, der Marianne Brandt aus ihrer inneren Emigration in Karl-Marx-Stadt in den Kreis der Künstler um die Galerie Oben geholt hat, sie zu Gesprächen über ihren Weg zur Gestaltung und ihre Zeit am Bauhaus bewegen konnte. Und er war u. a. derjenige, der nach ihrem Tode für eine würdige Grabstätte auf dem Chemnitzer St. Nikolai Friedhof sorgte, ihre Grabstele entwarf und deren Aufstellung durchsetzte. Seine Bewunderung für Marianne Brandt und seine gestalterische Nähe zum Bauhaus waren das Fundament für die Gründung der Marianne Brandt-Gesellschaft e. V. vor mehr als zwanzig Jahren. Auch das Signet der Gesellschaft trägt seine Handschrift. Und wenn man ihn nach Marianne Brandt fragte, so spürte man seine Verehrung der Person wie ihres Lebenswerks. Mit ihm verlieren wir einen der letzten Zeitzeugen, die zu Lebzeiten noch Kontakt mit Marianne Brandt hatten.

Aber auch die Stadt Chemnitz verliert mit Karl Clauss Dietel eine international angesehene und hoch geschätzte Gestalter-Persönlichkeit, die sich bis zuletzt konstruktiv kritisch mit Gedanken in Diskussionen und mit Leserbriefen zur Entwicklung der Stadt und ihrer Kultur eingemischt hat, ging es um Bebauungskonzepte, denkmalpflegerische oder verkehrsplanerische Belange. Bis ins hohe Alter war Karl Clauss Dietel schöpferisch tätig. Viele seiner Arbeiten sind und werden hoffentlich im Stadtbild präsent bleiben, so etwa seine Skulptur – WANDEL – auf dem Vorplatz des Industriemuseums, die ihm zu verdanken ist, unweit der Grabstätte Marianne Brandts.

Die Marianne Brandt-Gesellschaft e. V. wird die Erinnerung an Karl Clauss Dietel in Ehren halten.

Im Namen der Gesellschaft

Dr. Jörg Feldkamp
Prof. Rolf Lieberknecht
Birgit Enzmann
Carmen-Sylva Hueber

BRAND(T)AKTUELL  2021                                                           

VORGESTELLT

„karl clauss dietel – die offene form“     

Die Kunstsammlungen Chemnitz haben eine neue Monografie über den Formgestalter Karl Clauss Dietel herausgegeben, verlegt vom Leipziger Verlag Spector Books. Das opulente, gebundene Buch mit vielen farbigen und schwarzweißen Abbildungen und einem stolzen Gewicht von 1780 Gramm zeugt von der Qualitätsarbeit des Verlages. Diese Buchgestaltung sowie der Inhalt über das gestrige und heutige Schaffen von Prof. Karl Clauss Dietel haben meinen Respekt.

Einige Gedanken mehr zum Buch. Der Autor Walter Scheiffele und der Grafiker Steffen Schumann stellen in Wort und Bild Dietels berufliche und private Entwicklung vor. Wenn man sich in die Interviews und Gespräche eingelesen hat, ist das so spannend, dass die Zeit wie im Fluge vergeht. Und da muss man nicht unbedingt ein Experte sein.

Ausgangspunkt im Vorwort ist die Verleihung des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2014 für das imposante Lebenswerk des Gestalters. In der damaligen Laudatio heißt es, dass die Bandbreite von Dietels Arbeiten von Schreibmaschinen und Radios, Signets und Produktgrafiken, Maschinen und Anlagen bis zur Architektur reiche. Und das immer im Wissen um die Beziehung zwischen Kunst und Technik.

Sein Hauptaugenmerk lag auf dem Fahrzeugbau und einige seiner Entwicklungen wurden zu modernen Klassikern. Zudem wurde der Preisträger charakterisiert, dass er nie ein Künstler im Elfenbeinturm war, sondern er sich immer öffentlich in Diskussionen und Entscheidungsprozessen eingebracht habe. Und so ist es bis heute geblieben, unzählige Beiträge zum Beispiel in der Freien Presse zeugen davon.

In der neuen Monografie steht die offene Form als Gestaltungsprinzip im Fokus der Betrachtung sowie der offene und streitbare Künstler, der dahinter steht. Was auch in der „Poesie des Funktionalen“ seinen Niederschlag findet, genannt werden viele weitere Beispiele. Die Leitbegriffe Dietels, wie “Gebrauchspatina” und “das offene Prinzip” haben bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren. Was Dietels Metapher vom offenen Prinzip mit Philosophen oder Denkern wie Hölderlin zu tun hat, auch das verrät das Buch.

Als der 353er gelbe Wartburg einst unser Familienstolz war, und ich zu Hause nach Feierabend auf „meiner“ Erika Manuskripte getippt habe, wusste ich nichts vom Urheber. Hauptsache alles funktionierte. Man kannte zu DDR-Zeiten natürlich die Betriebe, nicht aber die Namen der Gestalter. Zumindest ging es mir persönlich so. Das ist für mich auch ein Verdienst der Wende, dass mit solchen Veröffentlichungen wie „Die offene Form“ von Karl Clauss Dietel, die Macher sichtbar werden. Dietel – ein Mensch mit jung gebliebenem Geist, kreativ und immer wieder Impulse gebend. Das trifft auch auf die Marianne Brandt Gesellschaft zu, die er mit gründete und Ehrenvorsitzender er heute ist.

Im Buch heißt es zum Schluss ZUKUNFT GESTALTEN, und es endet so mit Optimismus, den wir alle in diesen Zeiten zutiefst brauchen.

Das Rezensionsexemplar, das mir Christin Krause vom Verlag Spektor Books freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, befindet sich, wenn die Studienräume wieder öffnen dürfen, in der Bibliothek der Marianne Brandt Gesellschaft zum Einsehen. Am besten jedoch im Buchhandel kaufen unter ISBN 978-3-95905-3662, möglicherweise als Geschenk vergeben.

 

Ursula Lange

Marianne Brandt Gesellschaft e. V.