Marianne Brandt 18.10.56
China Bericht, VBKD KMST (Verband Bildender Künstler Deutschlands, Karl-Marx-Stadt) Auszug
Sammlung Bauhaus Dessau, SBD_I 54837_1-16
Ich möchte Ihnen mitteilen, wie ich China erlebt habe und möchte Ihnen gern den chinesischen Menschen näher bringen, der so außerordentlich gastfrei und freundlich ist.
Ich feire heute ein Jubiläum: am 18. Oktober 1953 ging die Reise ab Berlin nach China. Den Anlass dieser Reise bildete eine Ausstellung, die vom Institut f. Angew. Kunst in Berlin, dem ich angehörte, zusammengestellt wurde. Sie nannte sich Angewandte Kunst in der D.D.R. und umfasste Kunsthandwerk und Industrieerzeugnis(se) vom 13. Jahrhundert bis in die Jetztzeit. Holz, Keramik, Glas, Buchkunst, Zinn, Kupfer, Bronze, Edelmetalle, Textil, Spielzeug. Es war die erste derartige Ausstellung, die nach China kam, und war so eine Art Versuchsballon, der aber erfolgreich stieg, wir hatten zusammen in Peking und Schanghai ca. 30000 Besucher…Die Intensität mit der die Gegenstände betrachtet werden, ist außerordentlich und wir wurden sofort ersucht um die Erlaubnis, dass abgezeichnet werden durfte. Wir erlebten viel Erfreuliches in dieser Richtung.
Wir reisten mit dem Flugzeug, der Kollege … von der Akademie der Künste in Berlin und ich, wir machten kurze Stationen in Moskau, Sverdlovsk, eine längere in Irkutsk und eine in Ulan Bator. Die Reise war ruhig und ein wunderbares Erlebnis für mich. Es war ja auch mein erster Flug. Leider war mir von meiner Dienststelle keine Kamera zur Verfügung gestellt worden, aus Sorge, es könnten sich Schwierigkeiten ergeben…
Wir kamen zuerst nach Peking, waren da in einem sehr hübschen kleineren Familienhotel untergebracht, eignes Bad, ein schöner Wagen und sehr freundlicher und geschickter Fahrer zu unsrer Verfügung, gut(e) Kost. Zuerst europäisch, später öfters chinesisch auf unseren Wunsch.
Wir fanden unsere Möglichkeit zum Ausstellen in 3 Pavillons im Volkspark, der ein Teil der früheren Kaiserstadt ist. … Dass wir außer Dolmetscher noch einen Betreuer hatten und wir selbstständig kaum einmal fortgehen konnten, war uns anfangs befremdlich, später gewohnt … und niemals unangenehm. Wir hatten ein schönes Büro, es entstand in wenigen Stunden und es waltete darin ein liebes Mädchen, kochte uns Tee, fütterte uns mit Zigaretten und Bonbon und Obst. Sonst war es nicht ganz einfach, eine Ausstellung so in 3 Teilen einheitlich und sinnvoll aufzustellen, es gelang aber zur allgemeinen Zufriedenheit.
Am 2. Tage schon waren wir zu einem Festessen eingeladen. Es gab Ente und Fisch, sonstige Seetier, Hummerartiges, Heifischflossen, Bambussprossen, vielerlei Gemüse… alles ist in mundgerechte Stücke zerlegt. Nach etwa der 25. Platte eine süße Suppe… Es wird viel getostet, viele Hochs ausgebracht und ganz schön getrunken dabei… Der Tee ist im Grunde das Zeichen zum Aufbruch…
Unsere Tage waren reichlich erfüllt nicht allein durch unsere Arbeit, die ja sehr periodisch verlief und nicht täglich eine Anstrengung bedeutete. Wir hatten eigentlich jeden Tag etwas zu besichtigen… Dazu kam mindestens 5 mal die Woche ein Besuch in der Oper oder einem Konzert, einem Kino… Es dauerte nicht lange, so hat man durch die lebhafte Mimik der Handlung und die Gefühlsäußerungen alles gut verstanden. Wir erhielten einen kurzen Überblick über den Inhalt durch unseren Dolmetscher, das Übrige ging von ganz allein.
Gelegentlich der vorher erwähnten Besichtigungen sahen wir Werkstätten und Fabriken, auch haben wir den Werdegang eines der schönen Handdrucke beobachten dürfen, auch die Herstellung von Emaillearbeiten, die unter äußerst primitiven Verhältnissen und den bescheidensten Hilfsmitteln bewerkstelligt wurde. Ebenso bewunderten wir in der staatlichen We(r)kstatt für Elfenbeinschnitzerei die unglaubliche Fertigkeit und geschickten Hände. Erwerben konnten wir allerdings solche Kostbarkeiten nicht… Wir kauften in den Bazaren. … es wird gelernt in jedem Alter und in jeder Schicht der Bevölkerung. Unsere Kellner z. B. in Peking benutzten jede freie Minute, um sich Schrift anzueignen. Man plant jetzt ein Reform, die chin. Schrift ist ungeheuer schwer zu erlernen… Es sollen 2000 Zeichen zu lernen notwendig sein, um einfachere Sachen, z. B. Zeitung lesen zu können. Allerdings wird ein Jeder der sich in irgendeiner Form mit chin. Schrift befasst hat, in tiefster Seele bedauern, dass ein so außerordentliches Kulturgut in Vergessenheit geraten soll…Schrift wahrhaft schön zu schreiben ist eine große Sache, früher brachte es Ruhm, der durch Jahrhunderte dauerte. Die älteren Maler pflegen diese Kunst noch heute.
Vom 21. Okt. – Ende Dez. sind wir in Peking gewesen. Die Stadt hat unendliche Reize, ist sehr ausgedehnt… Jegliches Wetter bevölkert Nordseepark oder den weiter draußen gelegenen Park Sommerpalast…. Farbig ganz besonders beeindruckte der Himmelstempel. In der Stadt gehen die engen Gässchen rechtwinklich zueinander. Man sieht nur Mauern, keine Fenster… In die Höfe kann man nicht hineinsehen, denn da sind sofort wieder Mäuerchen. Das wurde früher wegen der bösen Geister getan, die nicht um Ecken gehen können!
Außer diesen Ausflügen wurden wir auch gelegentlich zu etwas entlegeneren Fabriken oder tempeln gefahren. Wir haben von der Eisengießerei bis zum Stoffdruck das gesehen, was von Peking od. Schanghai aus zu erreichen war, leider keine Porzellanmanufaktur und keine Seidenweberei…. Von Kuanting aus fuhren wir noch zur großen Mauer und konnten uns darauf ergehen. … Da wo wir waren, ist sie tüchtig instand gesetzt gewesen, stellenweise ist sie recht verfallen.
Anf. Januar 54 mußten wir in Schanghai unsere Ausstellung erneut aufstellen in einem großen leeren Saale eines Museums. Da wir „vorfristig“ mit der Ausstellung fertig waren, verfrachtete man uns für 4 Tage nach dem herrlichen Westsee. Es war der zauberhafteste See, den wir sahen… Auf 3 Seiten von schöngeformten, nicht eben hohen Bergen eingerahmt, ist die 4. Seite des Sees flach und dort breitet sich die Stadt Hangtschou aus, mit einer leider viel von europäischer Bauweise früherer Tage nicht eben glücklich gestalteten Innenstadt, ist sie da, wo sie sich am Ufer ausdehnt und in die Berge verliert von großer Schönheit. Tempel…, Villen, Pagoden, Teehäuser. Glücklicher Weise habe ich mit damals notiert, was wir alles gesehen haben, sonst glaubte ich es heute nicht mehr… In Schanghai wohnten wir äußerst standesgemäß, im 8. Stock eines 14 stöckigen früher amerikanischen Hotels. Nach Eröffnung der Ausstellung … blieb ich allein mit meinen chinesischen Freunden, erhielt auch einen neuen Dolmetscher, mit dem ich aber schnell Freundschaft schloß und bis vor Kurzem treulich korrespondiert habe.
Schanghai ist eine Weltstadt mit vielen Hochhäusern, daneben aber finden sich ebensogut die echten Chinesenhäuser, in diesem Falle hinten meist Werkstatt, Geschäft oder ähnliches, sehr farbenprächtig. Der Tageslauf war für mich ähnlich wie in Peking, nur dass ich jetzt meine Malzeiten in meinem entzückenden Speisezimmerchen im 14. Stock ganz einsam verzehrte mich aber umso enger an meine jungen chinesischen Freunde anschloß.
Der Abschied ist mir schwer gefallen. Aber nachdem das leidige Zusammenpacken der Ausstellung überwunden war, gab es leider gar keinen Grund mehr zu bleiben… Der Rückflug war weniger angenehm als hinwärts. In Moskau mußte ich ziemlich 3 Tage auf Weiterflug warten… Doch dies möchte ich nicht gern als Schluß stehen lassen. Dies Erlebnis China war groß und schön genug, um soetwas zu vergessen.
